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Nieder-Weisel: 2.493 Einwohner, prosperierender Stadtteil zwischen Bad Nauheim und der Kernstadt Butzbach gelegen.
Der heutige Butzbacher Stadtteil Nieder-Weisel ist für jeden Freund der Heimatkunde und Bau- und Kunstgeschichte von ganz besonderem Interesse: Noch heute hat die bis zur Gebietsreform selbständige Gemeinde zwei alte Kirchen, die beide bau- und kunstgeschichtlich von hohem Wert sind. Auch die an mancher Stelle aufgestellten Hinweisschilder auf die Johanniterkommende mit dem bekannten Johanniterkreuz machen auf eine Sehenswürdigkeit des Orts aufmerksam, auf den Gebäudekomplex der Johanniterkomturei Nieder Weisel.
Die Gemarkung des Orts ist alter Kulturboden und schon seit der Jungsteinzeit fast ständig vom Menschen besiedelt gewesen. Im 6. und 7. Jahrhundert dürfte dann wohl auch der Ort entstanden sein, der 772 zuerst als "Wizele" urkundlich genannt wird. Im 13. Jahrhundert bekam dieser Ort im Gegensatz zu dem bei der höhergelegenen Wasserburg Hoch-Weisel gelegenen Siedlung (ursprünglich Hof Weisel genannt) den differenzierenden Ortsnamen Nieder Weisel. Im 12. Jahrhundert hatten sich die Herren von Arnsburg-Münzenberg in der nördlichen Wetterau einen geschlossenen Herrschaftsbereich aufbauen können, zu dem auch dieser Ort zählte.
Eine sehr alte Dorfkirche Die Evangelische Pfarrkirche liegt an der höchsten Stelle im alten Ort. Die starke Ihr gingen hier bereits mehrere bis ins Frühmittelter zurückgehende Kirchen voraus. Der erhaltene mächtige Westturm (Glockenturm) aus dem 12. Jahrhundert zeugt auch für die Wehrhaftigkeit der ganzen ehem. Anlage. Auch die starke Ummauerung des Kirchhofs ist als letzter Rest der ehemaligen Kirchenbefestigung anzusehen, die den Ortseinwohnern in Kriegszeiten die letzten Zufluchtsmöglichkeit bieten sollte. Für eine Wetterauer Dorfkirche einmalig ist auch die Gliederung des romanischen Turmes durch Lisenen und Runddbogenfriese mit Resten figuralen Tierschmuckes. Im Turminneren befindet sich eine beachtliche spätgotische hölzerne Substruktion als Unterbau für das frühere Läutewerk. Im 1. Turmoberstock war vermutlich im Spätmittelalter eine kleine St. Michaeliskapelle eingerichtet. Im späten 15., 16. und 17. Jahrhundert wurde das aus romanischer Zeit stammende ältere Kirchenschiff mehrfach umgebaut. Vom romanischen Langhaus haben sich sichtbare Reste wohl nur noch in der Südmauer erhalten (Portal- und Fensterreste). Heute erscheint das Kirchenschiff als flachgedeckter Saalbau mit spätgotischem Staffelgiebel im Osten. Es weist eine in strenger geometrischer Gliederung reichgestaltete barocke Stuckdecke mit dem Solms-Hohensolms-Licher Wappen von 1616 auf. Bereits im Spätmittelalter hatte eine Erweiterung der Saalkirche nach Norden stattgefunden. 1616 wurde das Nordschiff Nordwand umgebaut, wohl v.a. die großen Fenster geschaffen! Der Turmhelm der Kirche stammt ebenfalls von 1616. Neben der Kirche steht ein romanisches Taufbecken. Evangelische Pfarrkirche
Sitz des Johanniter-Ordens Wichtig für die weitere Entwicklung des kleinen Bauerndorfs Weisel sollte eine Entscheidung werden, die mit ziemlicher Sicherheit von Reichskämmerer Kuno I. von Münzenberg bald nach 1185, als sein Dienstherr, Kaiser Friedrich I. Barbarossa, dem geistlichen Ritterorden der Johanniter einen Schutzbrief ausgestellt hatte, getroffen wurde. Kuno I. stattete nämlich anscheinend in den Jahren darauf den Orden mit seinen Gütern in Nieder Weisel so großzügig aus, daß man hier eine eigene Kommende, einen Verwaltungs- und Wirtschaftsmittelpunkt mit hoher Selbständigkeit, einrichtete, die 1245 erstmals erwähnt wird.
Mit Unterstützung der Münzenberger dürften dann bald darauf, wohl bereits im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts Bildhauer und Handwerker aus dem Elsaß geholt worden sein, die hier in Nieder Weisel eine der wenigen zweigeschossigen Längskirchen in Deutschland errichteten und ein Baudenkmal vorzüglichen Ranges schufen. Es handelt sich dabei um eine im Erdgeschoß vierjochige, dreischiffige Halle, mit einer Vorhalle im Westen und einer halbrunden Hauptapsis im Osten und zwei außen rechteckigen Nebenapsiden. Das im 13. Jahrhundert unvollendete Obergeschoß diente als Krankensaal, damit die Kranken ebenfalls am Gottesdienst teilnehmen konnten. Der Außenbau ist sorgfältig gegliedert und aus sauber gearbeiteten Lungenbasaltquadern errichtet. Deutlich ist im Oberstock ein Bruch in der Mauerung zu erkennen, die auf eine vorzeitige Beendigung der Baumaßnahmen schließen lassen und vielleicht mit dem Tod des fördernden Münzenbergers Kuno zusammenhängen (um 1207/1212). Die Krankenpflege und der Kampf gegen die Ungläubigen waren die Aufgaben, die sich der Orden gestellt hatte. Die erste Aufgabe sollte mit der Errichtung eines Hospitals in Nieder Weisel erfüllt werden. In späterer Zeit aber wurden die Ideale von einst zurückgestellt, und die Einkünfte der Kommenden wurden zunehmend der Nutznießung der Komture zur Verfügung gestellt.
Komturkirche
Die Kommende und das Dorf Die Kommende war der bedeutendste Grundherr in der Gemarkung, die Nieder Weiseler Bauern hatten das Land der Kommende als Landsiedel gepachtet. Außerdem versorgten Ordensgeistliche seit 1355 die Pfarrstelle im Dorf, wofür die Bauern der Kommende den Zehnten zu entrichten hatten. Fast einzigartig waren jedoch auch die Gegenleistung der Kommende, wie z.B. der "Pfeffer", ein Mahl, zu dem pro Hof ein Vertreter erscheinen durfte und das von der Kommende zubereitet wurde.
Überhaupt hatte die Existenz einer Kommende in Nieder Weisel für das Dorf seine gute Seite: in Kriegszeiten blieb der Ort des öfteren vor Einquartierung, Eroberung und Brandschatzung verschont, da der Orden Schutzbriefe ausgestellt bekommen hatte.
Im Spätmittelalter war das Dorf zusammen mit der Komturei durch einen Graben und eine Schutzhecke, außerdem drei festen Pfortenbauten befestigt worden. Später war der Ordenshof auch mit einer Mauer umgeben worden, die heute z.T. noch erhalten ist. 1554 wurde erst die Komtureikirche fertiggestellt. Das bis in die 70er Jahre als Johanniter-Krankenhaus dienende ehemalige Herrenhaus ist ein langgestreckter Bau des 18. Jahrhunderts. In der Neuzeit wurde die Komturei nur von Amtleuten verwaltet, da die Komture meist auf anderen Gütern saßen. 1809 wurde der Johanniter-Orden von Napoleon aufgelöst, der für ungefähr 600 Jahre der bestimmende Grundherr in Nieder Weisel gewesen war (mit kurzer Unterbrechung im Dreißigjährigen Krieg). Dennoch sollte die Johanniterfahne nicht für immer von den Dächern der Nieder Weiseler Kommendegebäude verschwinden! 1868 schenkte nämlich der Großherzog von Hessen der hessischen Genossenschaft des Johanniterordens die Komtureigebäude, die das alte Ordensgotteshaus vor dem weiteren Zerfall rettete und im ehemaligen Herrenhaus ein Krankenhaus einrichtete, das leider in unserer Tagen geschlossen werden mußte.
Heute (2003) befinden sich in Nieder Weisel das Johanniter-Ordenshaus (Geistiges und geistliches Zentrum des Johanniter-Ordens in Deutschland) mit der einzigen Kirche im Besitz des Ordens, außerdem die Geschäftsstelle des Landesverbands Hessen, Rheinland-Pfalz, Saar der Johanniter Unfallhilfe.
So stehen diese alten Gebäude, die mit ein Stück Nieder Weiseler Geschichte bilden, auch heute noch im Dienste der sozialen Fürsorge und Mitverantwortung, wie schon vor über siebeneinhalb Jahrhunderten!
Ein Großbrand vernichtete 1761 einen Großteil des Dorfes (allein 200 Häuser vollständig und 30 halb). In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts litt auch hier die Bevölkerung des Dorfes, dessen größter Grundbesitzer, der Johanniterorden, 1809 aufgelöst worden war und an seine Stelle ein weltlicher Großgrundbesitzer getreten war, der das bisherige Pachtland zu einer in Eigenwirtschaft bearbeitenden Domäne zusammenzog, unter großer Not. Entsprechend groß war die Zahl der "Landgänger" und dann der Auswanderer, die ihr Glück für immer in der Ferne versuchten. 1810/1820 hatte das große Dorf bereits fast 1500, 1849 bereits ca. 2300 Einwohner, von denen sich allerdings fast 700 Personen im Ausland aufhielten (v.a. "Landgänger"). Durch Auswanderung sank die Einwohnerzahl von 1854 bis 1893 auf 1300. Durch diese starke Abwanderung und die Aufteilung der Domäne der Freiherrn von Wiesenhütten (durch Verkauf 1861) wurde allmählich das Los der im Dorf Gebliebenen besser.
Bald nach dem 2. Weltkrieg wurden die zahlreichen Heimatvertriebenen an der Gemarkungsgrenze nach Butzbach angesiedelt. Sie gründeten die Waldsiedlung, die bis heute zum Stadtteil gerechnet wird und aus der sich inzwischen einer großzügig geplante Wohnsiedlung entwickelt hat.
Am Ort befindet sich eine gut ausgebaute Grundschule (die Haingrabenschule), in unmittelbarer Nachbarschaft die moderne Mehrzweckhalle. An dem verkehrsgünstig gelegenen, pulsierenden Ort sind nach dem 2. Weltkrieg große Neubaugebiete entstanden. Ein blühendes Vereinsleben hat sich etabliert. Die Kirchweih findet alljährlich im September statt.
altes Rathaus (unser Proberaum)
Literaturhinweise: Georg Moller, Denkmaehler der deutschen Baukunst. Beiträge zur Kenntniss der deutschen Baukunst des Mittelalters, enthaltend eine chronologisch geordnete Reihe von Werken, aus dem Zeitraume vom achten bis zum sechszehnten Jahrhundert ... Bd. I Darmstadt 1815/1821. Kayser, Aus der Chronik von Nieder-Weisel. In: Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde Bd.12 (1870), S.507-593. Friedrich Klar, Geschichte der Johanniterkomturei Nieder-Weisel. Butzbach 1937 (55 Seiten). Eva Licht, Die Johanniterkirche in Niederweisel. In: Heimat im Bild. Beilage zum Gießener Anzeiger. Nr. 9 vom 4. März 1937, S.32-36. Mit 5 Fotografien. Friedrich Klar, Geschichte des Dorfes Nieder-Weisel in der Wetterau. Ein Heimatbuch. Hrsg. vom Verfasser, o.O. [Butzbach] 1953. Bitzen-Gericht. In: Intelligenz-Blatt für die Provinz Oberhessen....Nr.47/21.11.1835, S.308. Michael Gockel, Karolingische Königshöfe am Mittelrhein. (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 31) Göttingen 1970, S.181-183, 222, 234, 238, 240, 251, 258, 259, 274, 275, 280, 289 (zu "Nieder-"-Weisel). Rainer Braun, Villenberg und die Grundherrschaft Michelsberg. In: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde N.F. 36 (1978), S.17-35. Zum [Bitzengericht] Hofgericht der Villikation des Klosters Michelsberg im Spätmittelalter vgl. Bernd Vielsmeier, Büdesheim im Mittelalter. In: Butensheim Büdesheim 817/1992. Zur 1175-Jahrfeier hrsgg. von der Gemeinde Schöneck in Hessen. Schöneck 1992, S. 35-75. 772-1972 1200 Jahre Nieder-Weisel. 1922-1972 50 Jahre Musikverein. Festschrift 9.-12. Juni 1972. Veranstalter: Musikverein Nieder-Weisel. Nieder-Weisel 1972 (120 Seiten, darin zahlr. historische Artikel). Walter G. Rödel, Das Großpriorat des Johanniter-Ordens im Übergang vom Mittelalter zur Reformation. 2. neubearb. u. erw. Aufl. 1972, S.280-286. Walter G. Rödel, Erwerbspolitik und Wirtschaftsweise der Kommenden Mainz und Niederweisel des Johanniterordens: Ein Stadt-Land-Vergleich. In: Berliner Historische Studen. Berlin 1992, S.97-113. Ernst A. Schering, Geschichte der Johanniter-Kommende Niederweisel. In: Wetterauer Geschichtsblätter 32 (1983), S.67-117. Gail Larrabee u. Winfried Schunk: Die Pfarrkirche Nieder-Weisel. In: Butzbacher Geschichts-Blätter Nr.56 (Beilage zur Butzbacher Zeitung vom 24. 11. 1989). ws (d.i. Winfried Schunk), Germanische Siedlung in Nieder-Weisel entdeckt. In: Butzbacher Zeitung 1.4.1995, S.8. [Fund von handgemachten Gefäßfragmenten des 4./5. Jahrhunderts im Flurstück "In den Herrengärten", außerdem "sah man die Kulturschichten, worin sich viele Holz- und Lehmreste eines ehemaligen Holzhauses befanden"] Michael Gließner, Die Johanniterkirche in Nieder-Weisel. (Schriftenreihe der hessischen Genossenschaft des Johanniter-Ordens Heft 21/22) 2000 [67 Seiten]. Klaus Peter Decker u. Dieter Wolf, Terra Imperii ? Wetterau und Vogelsberg ? Stätten einer Königslandschaft aus staufischer Zeit. Geschichte und Kultur in Wetterau und Vogelsberg Heft 8 (Friedberg und Nidda 2001), S.1-75.
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